BGH 12. November 2009
V ZR 10/09
BGB § 1004 Abs. 1, WEG § 15 Abs. 3

Erfordernis der Zustimmung der Wohnungseigentümergemeinschaft für Anbringung einer Parabolantenne; Irrelevanz der Staatsangehörigkeit

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Dokumentnummer: 5zr10_09
letzte Aktualisierung: 15.12.2009
BGH, 13.11.2009 - V ZR 10/09
BGB § 1004 Abs. 1, WEG § 15 Abs. 3
Erfordernis der Zustimmung der Wohnungseigentümergemeinschaft für Anbringung
einer Parabolantenne; Irrelevanz der Staatsangehörigkeit
Die Verpflichtung der Wohnungseigentümer, die Anbringung einer Parabolantenne an dem
gemeinschaftlichen Haus zu dulden, ist nicht von der Staatsbürgerschaft des Miteigentümers
abhängig, der die Antenne angebracht hat. Voraussetzung, eine Antenne anbringen lassen zu
dürfen, ist die Zustimmung der Wohnungseigentümergemeinschaft. Dieser steht das Recht zu,
den Ort der Anbringung zu bestimmen.


BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
V ZR 10/09
Verkündet am:
13. November 2009
Langendörfer-Kunz
Justizangestellte
als Urkundsbeamtin
der Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
nein
BGHR:
ja
BGB § 1004 Abs. 1, WEG § 15 Abs. 3
Die Verpflichtung der Wohnungseigentümer, die Anbringung einer Parabolantenne
an dem gemeinschaftlichen Haus zu dulden, ist nicht von der Staatsbürgerschaft des
Miteigentümers abhängig, der die Antenne angebracht hat.
Voraussetzung, eine Antenne anbringen lassen zu dürfen, ist die Zustimmung der
Wohnungseigentümergemeinschaft. Dieser steht das Recht zu, den Ort der Anbringung zu bestimmen.
BGH, Urteil vom 13. November 2009 - V ZR 10/09 - LG Frankfurt/Main
AG Wiesbaden
Der V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 13. November 2009 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Krüger, den
Richter Dr. Klein, die Richterin Dr. Stresemann und die Richter Dr. Czub und
Dr. Roth
für Recht erkannt:
Die Revision gegen das Urteil der 13. Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt am Main vom 12. November 2008 wird auf Kosten
der Beklagten zurückgewiesen.
Von Rechts wegen
Tatbestand:
Die Beklagte ist Eigentümerin einer Wohnung, in der sie zusammen mit
ihren Familienangehörigen wohnt. Das gemeinschaftliche Gebäude hat auf einer Seite in jedem Stockwerk jeweils ein bodentiefes Fenster. An dem Geländer
vor diesem Fenster ihrer Wohnung brachte die Beklagte, eine deutsche Staatsangehörige polnischer Herkunft, Anfang 2007 eine Parabolantenne an. Die Antenne ermöglicht den Empfang einer Vielzahl polnischsprachiger Fernsehprogramme.
Die Klägerin, die Eigentümergemeinschaft, forderte die Beklagte in der
Folgezeit vergeblich auf, die Antenne zu entfernen. Am 18. Juni 2007 beschlossen die Wohnungseigentümer daher:
"Die Verwaltung wird ermächtigt im Auftrag und zu Lasten der Eigentümer einen Anwalt ihrer Wahl hinzuziehen und ggf. auf Entfernung zu
klagen, sofern die SAT-Antenne nicht bis 15.07.07 entfernt ist."
Mit der Klage verlangt die Klägerin die Entfernung der Antenne. Die Beklagte wendet ein, über die Breitbandkabelanlage des Hauses könne sie zwar
zwei polnischsprachige Sender, jedoch keine Regionalprogramme aus Oberschlesien empfangen, wo sie aufgewachsen sei.
Das Amtsgericht hat der Klage stattgegeben. Die Berufung der Beklagten
ist ohne Erfolg geblieben. Mit der von dem Landgericht zugelassenen Revision
erstrebt die Beklagte die Abweisung der Klage.
Entscheidungsgründe:
I.
Das Berufungsgericht meint, durch den Beschluss vom 18. Juni 2007
habe die Beklagte nicht zur Entfernung der Antenne verpflichtet werden können. Der Beschluss habe die Klägerin jedoch ermächtigt, die Ansprüche der
Wohnungseigentümer auf Entfernung der Antenne gerichtlich geltend zu machen.
Der Anspruch sei auch begründet, weil die Antenne den gepflegten Eindruck des Gebäudes störe, die Beklagte und ihre Angehörigen auf ihre polnische Staatsangehörigkeit verzichtet hätten und damit auf die Möglichkeit des
Empfangs der beiden polnischsprachigen Sender verwiesen werden könnten,
die über das Breitbandkabel zu empfangen seien.
II.
Das hält im Ergebnis der rechtlichen Nachprüfung stand. Die Klägerin
kann von der Beklagten die Entfernung der Antenne verlangen.
1. Auch wenn der Bestand des Gebäudes durch die Anbringung der Antenne nicht berührt wird, bedeutet das Handeln der Beklagten einen Eingriff in
das gemeinschaftliche Eigentum, den die Wohnungseigentümer ohne ihre Zustimmung nicht hinzunehmen brauchen (Senat, BGHZ 157, 322, 326). Nach
§ 1004 Abs. 1 BGB, §§ 14 Nr. 1, 15 Abs. 3 WEG können die übrigen Miteigentümer die Beseitigung der Parabolantenne verlangen. Zur Geltendmachung ihres Anspruchs haben sie die Klägerin durch den Beschluss vom 18. Juni 2007
wirksam ermächtigt (vgl. Senat, BGHZ 116, 332, 335; Beschl. v. 30. März 2006,
V ZB 17/06, NJW 2006, 2187 Rdn. 12).
2. Die Voraussetzungen des Anspruchs sind auch im Übrigen gegeben.
a) Entgegen der Meinung des Berufungsgerichts braucht die Beklagte
sich zwar nicht auf den Empfang der beiden in das Breitbandkabel eingespeisten Sender verweisen zu lassen. Dass sie und ihre Familienangehörigen ihre
polnische Staatsangehörigkeit aufgegeben und die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben, schränkt den Schutz des Informationsinteresses der
Beklagten durch Art. 5 Abs. 1 GG nicht ein (VerfGH Berlin GE 2007, 1178). Das
gilt auch für die Wirkungen der Grundrechte im Privatrecht. Das Interesse der
Beklagten, von polnischen Fernsehsendern über die Ereignisse aus dem näheren Bereich ihres früheren Heimatlands unterrichtet zu werden, ist offensichtlich
(vgl. BGH, Urt. v. 16. November 2005, VIII ZR 5/05, NJW 2006, 1062, Rdn. 1,
25 ff.).
b) Dieses Interesse führt dazu, dass die übrigen Wohnungseigentümer
der Beklagten den Empfang der per Satellit ausgestrahlten polnischen Programme ermöglichen müssen.
aa) Der Anspruch der Beklagten hierauf geht jedoch weder dahin, dass
die Beklagte hierzu eine Antenne an das Geländer vor dem Fenster ihrer Wohnung anbringen kann, noch dahin, dass ihr hierzu kein weiterer Aufwand zugemutet werden dürfte (BVerfG NZM 2005, 252; OLG Frankfurt NZM 2005, 427,
428).
Das ästhetische Interesse der übrigen Miteigentümer und das Informationsinteresse der Beklagten sind vielmehr gegeneinander abzuwägen. Die Klägerin verweist hierzu auf die Möglichkeit, die Antenne im Dachbereich des Gebäudes anzubringen. Dadurch werde der ästhetische Eindruck des Gebäudes
weniger beeinträchtigt. Diese Möglichkeit wird von dem unter Sachverständigenbeweis gestellten Vortrag der Beklagten nicht ausgeschlossen, der Empfang der per Satellit ausgestrahlten Programme sei nur mit einer Antenne möglich, die vor dem Fenster ihrer Wohnung angebracht sei.
Das ist offensichtlich unzutreffend. Die Beklagte hat vorgetragen, zum
Empfang der über einen Satelliten ausgestrahlten Fernsehprogramme dürfe
zwischen dem Satelliten und der Antenne kein Hindernis bestehen. Aus welchem Grund diese Voraussetzung entfallen könnte, wenn die Antenne im Bereich des Dachgeschosses angebracht wird, ist nicht erkennbar.
bb) Die Abwägung führt dazu, dass die Beklagte verlangen kann, dass
die übrigen Wohnungseigentümer der Anbringung einer Parabolantenne auf
dem Dach des Hauses oder in dessen Dachbereich zustimmen. Diese Feststellung kann der Senat treffen. Von den Parteien sind Fotografien des Gebäudes
vorgelegt worden. Weiterer Vortrag hierzu kommt nicht in Betracht. Die ästhetische Beeinträchtigung des Gebäudes ist bei einer Anbringung der Antenne im
Dachbereich oder auf dem Dach nachhaltig geringer als durch die von der Beklagten vorgenommene Anbringung der Antenne vor einem Fenster ihrer Wohnung.
Die Duldungspflicht der Miteigentümer führt jedoch nicht dazu, dass die
Beklagte ohne deren Zustimmung berechtigt wäre, die zur Anbringung der Antenne notwendigen Arbeiten am Dach des Hauses vornehmen zu lassen. Den
Miteigentümern ist es vielmehr vorbehalten, den konkreten Ort im Dachbereich
des Gebäudes zu bestimmen, an dem die Antenne angebracht werden darf
(Senat, BGHZ 157, 322, 328).
III.
Die Kostenentscheidung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO.
Krüger
Klein
Czub
Stresemann
Roth
Vorinstanzen:

Art:

Entscheidung, Urteil

Gericht:

BGH

Erscheinungsdatum:

12.11.2009

Aktenzeichen:

V ZR 10/09

Rechtsgebiete:

Sachenrecht allgemein

Erschienen in:

NJW 2010, 438-439
ZWE 2010, 29-30

Normen in Titel:

BGB § 1004 Abs. 1, WEG § 15 Abs. 3