BGH 09. November 2010
2 StR 320/10
BGB §§ 1901a, 1901b; StGB §§ 212, 216

Voraussetzungen eines rechtfertigenden Behandlungsabbruchs

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letzte Aktualisierung: 15.2.2012
BGH, 10.11.2010 - 2 StR 320/10
BGB §§ 1901a, 1901b; StGB §§ 212, 216
Voraussetzungen eines rechtfertigenden Behandlungsabbruchs
Zum rechtfertigenden Behandlungsabbruch auf der Grundlage des Patientenwillens nach den
Grundsätzen der Senatsentscheidung vom 25.6.2010 (NJW 2010, 2963 = NStZ 2010, 630).


BUNDESGERICHTSHOF
BESCHLUSS
2 StR 320/10
vom
10. November 2010
BGHR:
BGHSt:
Veröffentlichung:
nein
nein
nein
StGB §§ 212, 216
Zum rechtfertigenden Behandlungsabbruch auf der Grundlage des Patientenwillens nach den Grundsätzen der Senatsentscheidung vom 25. Juni 2010
(2 StR 454/09 – NJW 2010, 2963).
BGH, Beschluss vom 10. November 2010 - 2 StR 320/10 LG Köln
in der Strafsache
gegen
wegen versuchten Totschlags
Der 2. Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat auf Antrag des Generalbundesanwalts und nach Anhörung des Beschwerdeführers am 10. November 2010
gemäß § 349 Abs. 2 StPO beschlossen:
Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts
Köln vom 9. Februar 2010 wird als unbegründet verworfen, da die
Nachprüfung des Urteils auf Grund der Revisionsrechtfertigung
keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben hat.
Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.
Gründe:
Das Landgericht hat den Angeklagten wegen versuchten Totschlags zu
einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt und die Vollstreckung der Strafe
zur Bewährung ausgesetzt. Die auf die Sachrüge gestützte Revision des Angeklagten ist unbegründet.
1. Das Landgericht hat folgendes festgestellt:
Die Schwiegermutter des Angeklagten, die damals 82-jährige A.
K.
, wurde am 26. Juni 2009 wegen des Verdachts auf Lungenentzündung
und Herzinsuffizienz in das
-Hospital in K. -E.
eingeliefert. Sowohl bei der Aufnahme ins Krankenhaus auf der Normalstation als auch
in den beiden darauf folgenden Tagen war sie bei Bewusstsein, ansprechbar
und mit der Behandlung einverstanden. Nachdem am 28. Juni 2009 eine Verschlechterung ihres Befindens eingetreten war, informierte sie die Zeugin
Dr. H.
darüber, dass sie bei einer weiteren Verschlechterung gegebenenfalls
auf die Intensivstation verlegt werden müsse, was Frau K.
ruhig und ohne
Widerspruch hinnahm. Am Montag, den 29. Juni 2009 wurde Frau K.
gegen 5.00 Uhr morgens wegen einer infolge einer durch die Lungenentzündung
entstandenen Sepsis auf die Intensivstation des Krankenhauses verlegt. Dort
wurde sie sediert, ins künstliche Koma versetzt und an medizinische Geräte
angeschlossen. Sie erhielt u.a. über so genannte Perfusoren Adrenalin, Antibiotika, Blutpuffer und Flüssigkeit. Außerdem war sie intubiert und wurde zu 100%
mit Sauerstoff beatmet. Ohne diese Behandlung, insbesondere ohne die kontinuierliche Gabe von Adrenalin, wäre Frau K.
in einen unmittelbar zum Tode führenden Zustand geraten. Sie war nach Einschätzung der behandelnden
Ärzte in einem ernsten Zustand, der zwar zum Tode führen konnte, aber aus
medizinischer Sicht nicht hoffnungslos war. Als ihre Tochter, Frau A.
B.
, telefonisch über den kritischen Zustand ihrer Mutter informiert wurde,
erklärte sie, sie könne nicht selbst kommen, da sie Kinder zu versorgen habe,
werde aber ihren Ehemann, den Angeklagten, vorbeischicken. Dieser erschien
nach Arbeitsschluss am Nachmittag des 29. Juni 2009 im Krankenhaus und
äußerte gegenüber einem Krankenpfleger, der Frau K.
versorgen wollte, er
brauche gar nichts mehr zu machen, weil "gleich sowieso alles abgestellt" werde. Die Zeugin Dr. P.
informierte den Angeklagten, der sich in ungehaltener,
gereizter und aggressiver Stimmung befand, darüber, dass der Zustand von
Frau K.
ernst, aber nicht hoffnungslos sei, zumal sich die Blut-Gas-Werte
der Patientin verbessert hatten. Im Verlaufe des Gesprächs erwähnte der Angeklagte, dass eine Patientenverfügung seiner Schwiegermutter existiere, die
zusammen mit dem Testament in einem verschlossenen Umschlag bei seiner
Ehefrau hinterlegt sei. Der Inhalt dieser Patientenverfügung war dem Angeklagten unbekannt. Der Angeklagte telefonierte mit seiner Ehefrau, die ihm lediglich
mitteilte, dass ihre Mutter keine "lebensverlängernden Maßnahmen" wünsche.
Ihm war klar, dass sich dies nicht auf jede medizinische Behandlung bezog,
sondern nur dann gelten sollte, wenn diese aus ärztlicher Sicht keinen Erfolg
mehr versprachen. Dennoch gab er seiner Ehefrau zu verstehen, dass er die
"lebensverlängernden Maßnahmen" selbst beenden werde, falls die Ärzte hierzu nicht bereit seien, worauf diese antwortete, er wisse schon, was er tue.
Der Angeklagte beschloss nunmehr, unter Berufung auf die Patientenverfügung, deren Inhalt ihm unbekannt war, bei den ungeliebten "Besserwissern" von Ärzten das Abstellen der medizinischen Geräte zu erzwingen und,
falls dem nicht nachgegeben werden sollte, selbst Hand anzulegen und Perfusoren sowie Sauerstoffgerät abzuschalten. Für diesen Entschluss war sowohl
maßgebend, dass er im Krankenhaus nicht unnötig weiter "rumsitzen" und warten wollte, als auch insgeheim seine Besorgnis, dass eine nach erfolgreichem
Krankenhausaufenthalt etwa pflegebedürftige Schwiegermutter ihm und seiner
Familie zur Last fallen könne, was sie - wie er sich einredete - nie gewollt habe.
Der Angeklagte forderte die Stationsärztin unter Hinweis auf die Patientenverfügung mehrfach in aggressivem Ton und schließlich ultimativ auf, sofort
alle Geräte abzustellen. Diese kam dem Verlangen des Angeklagten nicht nach
und verlangte von ihm nach Rücksprache mit einer Oberärztin die Vorlage der
Patientenverfügung. Kurz nach 20.00 Uhr ging die Patientenverfügung per Fax
auf der Intensivstation ein. Das mit Datum vom 3. Juli 2004 versehene Schriftstück hatte auszugsweise folgenden Wortlaut:
"Patientenverfügung
Für den Fall, dass ich nicht mehr in der Lage bin, meine Angelegenheiten
selbst zu regeln, verfüge ich:
An mir sollen keine lebensverlängernden Maßnahmen vorgenommen
werden, wenn festgestellt ist,
dass ich mich im unmittelbaren Sterbeprozess befinde, bei dem jede
lebenserhaltende Maßnahme das Sterben oder Leiden ohne Aussicht auf erfolgreiche Behandlung verlängern würde, oder
dass es zu einem nicht behebbaren Ausfall lebenswichtiger Funktionen meines Körpers kommt, der zum Tode führt.
Ärztliche Begleitung und Behandlung sowie sorgsame Pflege sollen in
diesen Fällen auf die Linderung von Schmerzen, Unruhe und Angst gerichtet sein, selbst wenn durch die notwenige Schmerzbehandlung eine
Lebensverkürzung nicht auszuschließen ist …
Maßnahmen aktiver Sterbehilfe lehne ich ab.
Ich unterschreibe diese Verfügung nach sorgfältiger Überlegung und als
Ausdruck meines Selbstbestimmungsrechts. Ich wünsche nicht, dass mir
in der akuten Situation eine Änderung meines hiermit bekundeten Willens unterstellt wird. Sollte ich meine Meinung ändern, werde ich dafür
sorgen, dass mein geänderter Wille zum Ausdruck kommt …
Für den Fall, dass ich außerstande bin, meinen Willen zu bilden oder zu
äußern, benenne ich hiermit als Person meines besonderen Vertrauens
A.
B.
geb. K.

und erteile ihr hiermit Vollmacht, an meiner Stelle mit der behandelnden
Ärztin oder dem behandelnden Arzt alle erforderlichen Entscheidungen
abzusprechen.
Die Vertrauensperson soll meinen Willen einbringen und in meinem Namen Einwendungen vortragen, die die Ärztin oder Arzt berücksichtigen
soll …"
Der Angeklagte, der den Text der Patientenverfügung nicht zur Kenntnis
genommen hatte, verlangte unter Hinweis darauf zu wissen, wann die Geräte
endlich abgestellt würden. Die Zeugin Dr. P.
erwiderte erneut, sie dürfe die
Geräte nicht abschalten, weil sie sich sonst wegen Sterbehilfe strafbar mache;
außerdem müsste die gerade erst eingegangene Patientenverfügung zunächst
geprüft und bewertet werden, zumal die Patientin, obwohl die beiden ersten
Tage wach und ansprechbar, eine solche Verfügung weder erwähnt, noch in
ihren Unterlagen mitgeführt habe. Auf die Weigerung der Zeugin reagierte der
Angeklagte mit den Worten: "Gut, dann mach ich das jetzt selbst!" Dann begab
er sich zu den Perfusoren und betätigte gegen 20.15 Uhr die Ausschalter der
Bedienelemente der Geräte vom oberen beginnend bis zum unteren. Dadurch
unterbrach er die Zufuhr von fünf Medikamenten, darunter das für Frau K.
zur Aufrechterhaltung der Kreislauffunktionen lebenswichtige Adrenalin. Der
Angeklagte wollte durch das Abschalten der Perfusoren und der Sauerstoffzufuhr unter Berufung auf deren angeblichen Willen den alsbaldigen Tod von Frau
K.
herbeiführen. Er stellte sich vor, dass durch seine Maßnahmen die
Sterbephase unumkehrbar eintreten werde. Das Abschalten der Geräte bewirkte innerhalb von Sekunden einen dramatischen Abfall des Blutdrucks und der
Herzfrequenz von Frau K.
. Sodann wollte der Angeklagte das hinter dem
Bett stehende Beatmungsgerät abschalten. Hieran wurde er jedoch durch den
Zeugen S.
, zur Tatzeit Krankenpfleger auf der Intensivstation, gehindert, der
sich schützend vor die Sauerstoffpumpe stellte und sich auch durch Drohungen
des Angeklagten, handgreiflich zu werden, nicht beeindrucken ließ. In der Zwischenzeit schaltete die Zeugin He.
auf Anweisung der Stationsärztin die Perfusoren, die durch das Eingreifen des Angeklagten mindestens zehn Sekunden
außer Betrieb gewesen waren und bereits Alarm gegeben hatten, wieder ein.
Die Adrenalindosis musste massiv erhöht werden, um die Blutdruckwerte von
Frau K.
zu stabilisieren. Frau K.
verstarb um 23.49 Uhr an einem
septischen Schock als Folge einer schweren, eitrigen Pneumonie. Das kurzfristige Abschalten der Perfusoren durch den Angeklagten war hingegen nicht
nachweisbar todesursächlich.
2. Die rechtsfehlerfrei getroffenen Feststellungen des Landgerichts tragen die Verurteilung des Angeklagten wegen versuchten Totschlags (§§ 212,
22, 23 StGB). Der Angeklagte stellte sich vor, dass er durch die Unterbrechung
der Zufuhr lebenserhaltender Medikamente und das beabsichtigte Kappen der
Sauerstoffzufuhr die Sterbephase unumkehrbar einleiten würde und wollte dadurch den Tod von Frau K.
unmittelbar herbeiführen.
Eine Tötung auf Verlangen im Sinne von § 216 StGB hat das Landgericht
zutreffend schon deshalb verneint, weil nach den Feststellungen ein ausdrückliches und ernstliches Verlangen im Sinne dieser Vorschrift nicht vorlag. Vielmehr hatte Frau K.
in ihrer Patientenverfügung zum Ausdruck gebracht,
dass sie aktive Sterbehilfe ablehne, also ärztlich behandelt werden wolle, solange noch eine Chance auf Genesung bestand. Außerdem hat sie zu einem
Zeitpunkt, als sie noch ansprechbar war, auf die Nachricht, dass sie bei einer
Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes auf die Intensivstation verlegt
werden müsse, ruhig und ohne Widerspruch reagiert. Dies hat das Landgericht
rechtlich zutreffend als stillschweigende Einwilligung zumindest in die Verlegung
auf die Intensivstation und die dort zunächst veranlassten ärztlichen Maßnahmen interpretiert.
Das Vorgehen des Angeklagten war auch nicht als Behandlungsabbruch
auf der Grundlage des Patientenwillens nach den Grundsätzen der Entscheidung des Senats vom 25. Juni 2010 gerechtfertigt (2 StR 454/09 - NJW 2010,
2963). Danach ist zwar Sterbehilfe durch Unterlassen, Begrenzen oder Beenden einer begonnenen medizinischen Behandlung gerechtfertigt, wenn dies
dem tatsächlichen oder mutmaßlichen Patientenwillen entspricht (vgl. § 1901a
BGB) und dazu dient, einem ohne Behandlung zum Tode führenden Krankheitsprozess seinen Lauf zu lassen. Keine der danach für eine Rechtfertigung
der versuchten Tötung erforderlichen Voraussetzungen war jedoch im vorliegenden Fall gegeben.
Der Angeklagte kann sich schon nicht darauf berufen, er habe den Willen
von Frau K.
umgesetzt. Dies ergibt sich ohne weiteres bereits daraus, dass
er nach den rechtsfehlerfreien Feststellungen ihren Willen nicht im Einzelnen
kannte und auch nicht bereit war, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Außerdem lagen
die in der Patientenverfügung vorgesehenen Bedingungen für einen Behandlungsabbruch
K.
nicht
vor.
Aus
medizinischer
Sicht
befand
sich
Frau
weder im unmittelbaren Sterbeprozess noch war es bei ihr zu einem nicht
mehr behebbaren Ausfall lebenswichtiger Funktionen des Körpers gekommen,
der zum Tode führt. Dies wusste der Angeklagte. Von den behandelnden Ärzten war er darüber informiert worden, dass der Zustand von Frau K.
zwar
ernst, aber nicht hoffnungslos war. Insofern kann der Angeklagte auch nicht
geltend machen, er habe sich im Irrtum über den Zustand von Frau K.
befunden und sei davon ausgegangen, ihrem Willen Geltung zu verschaffen.
Im Übrigen weist der Senat darauf hin, dass in Fällen, in denen zukünftig
ein rechtfertigender Behandlungsabbruch auf der Grundlage des Patientenwillens nach den Grundsätzen der Senatsentscheidung vom 25. Juni 2010 in Rede steht (2 StR 454/09 - NJW 2010, 2963), die Voraussetzungen der §§ 1901a,
1901b BGB - eingefügt durch Gesetz vom 29. Juli 2009 mit Wirkung vom
1. September 2009 und damit nach dem festgestellten Tatgeschehen - zu beachten sein werden. Diese Vorschriften enthalten verfahrensrechtliche Absicherungen, die den Beteiligten bei der Ermittlung des Patientenwillens und der Entscheidung über einen Behandlungsabbruch Rechts- und Verhaltenssicherheit
bieten
sollen
(vgl.
Beschlussempfehlung
des
Rechtsausschusses
BT-Drucksache 16/13314, S. 3 f. u. 7 f.) und bei der Bestimmung der Grenze
einer möglichen Rechtfertigung von kausal lebensbeendenden Maßnahmen
auch für das Strafrecht Wirkung entfalten (vgl. Senat BGH NJW 2010, 2966).
Sie dienen zum einen der Verwirklichung des verfassungsrechtlich garantierten
Selbstbestimmungsrechts von Patienten, die selbst zu einer Willensäußerung
nicht (mehr) in der Lage sind (Senat aaO). Hierin erschöpft sich ihre Funktion
jedoch nicht. Vielmehr tragen sie zum anderen gleichgewichtig dem von Verfassungs wegen gebotenen Schutz des menschlichen Lebens Rechnung, indem sie die notwendigen strengen Beweisanforderungen an die Feststellung
eines behandlungsbezogenen Patientenwillens verfahrensrechtlich absichern
(vgl. Senat aaO 2967).
Unter letzterem Gesichtspunkt ist zunächst sicherzustellen, dass Patientenverfügungen nicht ihrem Inhalt zuwider als Vorwand benutzt werden, um aus
unlauteren Motiven auf eine Lebensverkürzung schwer erkrankter Patienten
hinzuwirken. Darüber hinaus muss in der regelmäßig die Beteiligten emotional
stark belastenden Situation, in der ein Behandlungsabbruch in Betracht zu ziehen ist, gewährleistet sein, dass die Entscheidung nicht unter zeitlichem Druck,
sondern nur nach sorgfältiger Prüfung der medizinischen Grundlagen und des
sich gegebenenfalls in einer Patientenverfügung manifestierenden Patientenwillens erfolgt. Dass es solcher das Verfahren regelnder Vorschriften bedarf, um
einen missbräuchlichen und/oder vorschnellen Abbruch lebenserhaltender
Maßnahmen zu verhindern, macht gerade der vorliegende Sachverhalt deutlich.
Frau K.
hatte zunächst in die Verlegung auf die Intensivstation und die damit verbundene lebenserhaltende Behandlung konkludent eingewilligt. Die weitergehenden medizinischen Maßnahmen und das Versetzen in ein künstliches
Koma nach der Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes waren erst am
Morgen des Tages vorgenommen worden, an dem nach der Vorstellung des
Angeklagten unmittelbar und ohne nähere Prüfung, ob der tatsächliche Gesundheitszustand dem in der Patientenverfügung vorausgesetzten entsprach,
die Entscheidung über einen Behandlungsabbruch herbeigeführt werden sollte.
Der Angeklagte ließ sich dabei nach den Feststellungen auch von der Besorgnis leiten, seine nach erfolgreicher Behandlung etwa pflegebedürftige Schwiegermutter könne ihm finanziell zur Last fallen.
Für die Feststellung des Patientenwillens als Grundlage für den rechtfertigenden Abbruch lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen sehen die
§§ 1901a und 1901b BGB daher grundsätzlich folgendes Verfahren vor: Gemäß
§ 1901a Abs. 1 Satz 1 und 2 BGB ist nur der Betreuer bzw. Bevollmächtigte
(§ 1901a Abs. 5 BGB) befugt, die Übereinstimmung der Festlegungen in der
Patientenverfügung mit der aktuellen Lebens- und Behandlungssituation des
Patienten zu prüfen und auf dieser Grundlage dem Willen des Patienten gegebenenfalls Geltung zu verschaffen. Darüber hinaus setzt die Entscheidung über
einen Behandlungsabbruch gemäß § 1901b Abs. 1 BGB zwingend ein Zusammenwirken von Betreuer bzw. Bevollmächtigtem und Arzt voraus. Danach prüft
der behandelnde Arzt in eigener Verantwortung, welche ärztliche Behandlung
im Hinblick auf den Gesamtzustand und die Prognose des Patienten indiziert ist
und erörtert dies mit dem Betreuer unter Berücksichtigung des Patientenwillens
als Grundlage für die zu treffende Entscheidung.
Auch diese verfahrensrechtlichen Vorgaben wären hier nicht einmal ansatzweise erfüllt. Der Angeklagte war weder als Betreuer noch als Bevollmächtigter zur Ermittlung und gegebenenfalls Durchsetzung des Patientenwillens
befugt. Er war darüber hinaus nicht bereit, den Inhalt der Patientenverfügung
zur Kenntnis zu nehmen und sich mit ihm auseinanderzusetzen. Außerdem verweigerte er jede Zusammenarbeit mit den zuständigen Ärzten. Vielmehr setzte
er sich eigenmächtig und in selbstherrlicher Weise über die medizinische Einschätzung des Zustandes von Frau K.
durch die behandelnden Ärzte hinweg und handelte bei dem Abschalten der Geräte gegen deren entschiedenen
Widerstand.
3. Dass der Angeklagte noch zu einer aussetzungsfähigen Strafe verurteilt wurde, obwohl die Strafkammer ihm bei seinem Vorgehen nachvollziehbar
"rechtsfeindliche Züge" attestiert hat, beschwert ihn nicht.
Rissing-van Saan
Eschelbach
Schmitt
Krehl
Ott

Art:

Entscheidung, Urteil

Gericht:

BGH

Erscheinungsdatum:

09.11.2010

Aktenzeichen:

2 StR 320/10

Rechtsgebiete:

Betreuungsrecht und Vorsorgeverfügungen

Erschienen in:

DNotZ 2011, 622-624
NJW 2011, 161-163

Normen in Titel:

BGB §§ 1901a, 1901b; StGB §§ 212, 216