BGH 16. März 2010
XII ZR 108/08
BGB §§ 546, 313, 242, 138

Anwendung der Grundsätze über den Wegfall der Geschäftsgrundlage bei Änderung der Mietstruktur?

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Dokumentnummer: 12zr108_08
letzte Aktualisierung: 29.4.2010
BGH, 17.3.2010 - XII ZR 108/08
BGB §§ 546, 313, 242, 138
Anwendung der Grundsätze über den Wegfall der Geschäftsgrundlage bei Änderung der
Mietstruktur?
Zur Anwendbarkeit der Grundsätze über den Wegfall der Geschäftsgrundlage bei Änderung der
vorgesehenen Mieterstruktur.


BUNDESGERICHTSHOF
IM NAMEN DES VOLKES
URTEIL
XII ZR 108/08
Verkündet am:
17. März 2010
Küpferle,
Justizamtsinspektorin
als Urkundsbeamtin
der Geschäftsstelle
in dem Rechtsstreit
Nachschlagewerk:
ja
BGHZ:
nein
BGHR:
ja
BGB §§ 546, 313, 242 Cd, 138 Bc
Zur Anwendbarkeit der Grundsätze über den Wegfall der Geschäftsgrundlage bei
Änderung der vorgesehenen Mieterstruktur.
BGH, Urteil vom 17. März 2010 - XII ZR 108/08 - OLG München
LG München I
Der XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat auf die mündliche Verhandlung
vom 17. März 2010 durch die Vorsitzende Richterin Dr. Hahne, den Richter
Prof. Dr. Wagenitz, die Richterin Dr. Vézina und die Richter Dose und
Dr. Günter
für Recht erkannt:
Auf die Revision der Klägerin wird das Urteil des 5. Zivilsenats des
Oberlandesgerichts München vom 17. Juni 2008 aufgehoben.
Die Berufung der Beklagten gegen das Urteil der 28. Zivilkammer
des Landgerichts München I vom 12. November 2007 wird zurückgewiesen.
Die Beklagte trägt die Kosten der Rechtsmittelverfahren.
Von Rechts wegen
Tatbestand:
Die Klägerin verlangt von der Beklagten Räumung und Herausgabe von
Gewerbemieträumen.
Mit Vertrag vom 20. Februar 2005 vermietete die Klägerin an die Beklagte Räume im Erdgeschoss eines sechsgeschossigen im Bau befindlichen Gebäudes zum Betrieb eines Cafés für zehn Jahre mit einmaliger Verlängerungsoption zu Gunsten der Beklagten. Nachdem sich die von der Klägerin geplante
Vermarktung der ersten vier Obergeschosse als Büroraum nicht realisieren ließ,
veranlasste sie im Sommer 2005 den Ausbau dieser Geschosse als Wohnraum.
Ab September 2006 geriet die Beklagte mit der Zahlung der monatlich in
Höhe von 3.114,30 € geschuldeten Miete in Rückstand. Sie zahlte im September 2006 nur einen Teilbetrag von 1.000 € und in den Monaten Oktober bis November 2006 keine Miete. Am 12. November 2006 schlossen die Parteien unter
Hinweis auf die schwierige wirtschaftliche Situation der Beklagten eine Vereinbarung, mit der der Mietzins rückwirkend ab September 2006 für sechs Monate
bis zum 28. Februar 2007 um monatlich 1.000 € inklusive Mehrwertsteuer reduziert wurde. Weiter stundete die Klägerin den von der Beklagten anerkannten
Mietzinsrückstand von 4.269,21 € zinslos bis Ende Februar 2007. Bei Verzug
der Beklagten mit der reduzierten Miete sollte dieser Rückstand innerhalb von
fünf Werktagen zur vollen Zahlung fällig sein. Im Gegenzug ließ sich die Klägerin ein bis zum 28. Februar 2007 bestehendes ordentliches Kündigungsrecht
mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten einräumen. Gestützt auf dieses
Kündigungsrecht erklärte sie mit Anwaltsschreiben vom 29. Januar 2007 die
ordentliche Kündigung des Mietvertrages.
Mit Schreiben vom 23. Juli 2007 und vom 15. Februar 2008 kündigte die
Klägerin den Mietvertrag fristlos wegen Zahlungsverzugs.
Das Landgericht hat der Klage stattgegeben. Auf die Berufung der Beklagten hat das Oberlandesgericht die Klage abgewiesen. Mit der vom Senat
zugelassenen Revision erstrebt die Klägerin die Wiederherstellung des landgerichtlichen Urteils.
Entscheidungsgründe:
Die Revision hat Erfolg. Sie führt zur Aufhebung des angefochtenen Urteils und zur Wiederherstellung des landgerichtlichen Urteils.
I.
Das Berufungsgericht ist der Auffassung, die Klägerin habe keinen Anspruch auf Räumung und Herausgabe des Mietobjekts.
Die ordentliche Kündigung vom 29. Januar 2007 sei unwirksam, weil das
am 12. November 2006 vereinbarte ordentliche Kündigungsrecht und dessen
Ausübung in hohem Maße treuwidrig (§ 242 BGB), wenn nicht gar sittenwidrig
(§ 138 Abs. 1 BGB) seien.
Geschäftsgrundlage des Mietvertrages sei die gewerbliche Nutzung der
ersten vier Obergeschosse als Büroraum gewesen. Das ergebe sich daraus,
dass eine solche Nutzung ursprünglich von der Klägerin geplant und in der Flächenzusammenstellung des Bauwerks, die gemäß § 15 Nr. 2 des Mietvertrages
als Anlage 3 dessen wesentlicher Bestandteil geworden sei, auch so ausgewiesen gewesen sei. Für die Klägerin habe sich aus den Umständen des Vertragsschlusses klar ergeben, dass die Beklagte besonderen Wert auf die Lage des
Cafés in einem Wohn- und Geschäftshaus gelegt habe. Dieser Umstand bewirke zwar keine Einstandspflicht der Klägerin nach Gewährleistungsrecht gemäß
§§ 537 ff. BGB, auch liege kein Fehler der Mietsache vor. Zur Anwendung kämen aber die Grundsätze über den Wegfall der Geschäftsgrundlage, § 313
BGB. Zwar trage im Verhältnis zwischen Vermieter und Mieter der Mieter das
Verwendungsrisiko bezüglich der Mietsache, zu dem vor allem die Chance gehöre, mit dem Mietobjekt Gewinne zu erzielen. Diese Risikoverteilung gelte
auch dann, wenn die Lage des Mietobjekts in einem bestimmten Umfeld maßgeblicher Grund für die übereinstimmende Erwartung des Mieters und des
Vermieters gewesen sei, von dem Umfeld werde eine geschäftsbelebende Wirkung ausgehen. Unter diese Rechtsprechung lasse sich der vorliegende Fall
allerdings nicht subsumieren. Hier falle es in den Risikobereich der Klägerin, die
geplante Vermarktung der ersten vier Obergeschosse als Gewerbeeinheiten zu
realisieren. Dadurch, dass ihr dies nicht gelungen sei, sei eine wesentliche Veränderung der Geschäftsgrundlage eingetreten. Die Beklagte habe deshalb eine
Anpassung des Mietvertrages verlangen können. Dies sei der juristisch nicht
versierten und anwaltlich nicht vertretenen Beklagten nicht bewusst gewesen,
wohl aber der Klägerin, die als eine am Markt langjährig tätige Bauunternehmerin von dem Interessenkonflikt zwischen künftigen Wohnungseigentümern und
Gaststättenbetreibern gewusst habe. Deshalb sei davon auszugehen, dass die
Klägerin zum Zeitpunkt der Vereinbarung des Sonderkündigungsrechts bereits
den Vorsatz gehabt habe, es auszuüben. Dieses Verhalten widerspreche den
Grundsätzen von Treu und Glauben, insbesondere der Verpflichtung der Klägerin zu eigener Leistungstreue, weshalb ihr die Berufung auf das eingeräumte
ordentliche Kündigungsrecht zu versagen sei.
Vor dem Hintergrund der bewussten Ausnutzung der wirtschaftlichen Situation der Beklagten und ihrer juristischen Unkenntnis sei die Einräumung und
Ausübung des Kündigungsrechts darüberhinaus sittenwidrig, § 138 Abs. 1
BGB.
Auch die außerordentlichen Kündigungen wegen Zahlungsverzuges vom
23. Juli 2007 und vom 15. Februar 2008 seien unwirksam. Die Klägerin habe
schon nicht dargetan, für welche Zeiträume die Beklagte Zahlungen in welcher
Höhe schulde. Sie könne aber auch deshalb nach Treu und Glauben nicht fristlos kündigen, weil sie sich selbst nicht vertragstreu verhalten habe, indem sie
die von ihr geschuldete Mitwirkung an der Vertragsanpassung abgelehnt habe.
II.
Diese Ausführungen halten einer revisionsrechtlichen Überprüfung nicht
stand. Die Klägerin hat, wie das Landgericht zu Recht entschieden hat, gemäß
§ 546 BGB einen Anspruch auf Herausgabe und Räumung des Mietobjekts und
Herausgabe der Schlüssel. Denn die Klägerin hat den Mietvertrag wirksam mit
Schreiben vom 29. Januar 2007 gestützt auf das im Nachtrag vom
12. November 2006 vereinbarte Sonderkündigungsrecht ordentlich gekündigt.
1. Entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts verstoßen die Vereinbarung des Sonderkündigungsrechts und dessen Ausübung weder gegen § 242
BGB noch gegen § 138 Abs. 1 BGB.
a) Das Berufungsgericht ist bei der Bewertung des Verhaltens der Klägerin als treu- bzw. sittenwidrig zu Unrecht davon ausgegangen, dass die Klägerin
wegen Wegfalls der Geschäftsgrundlage zur Anpassung des Mietvertrages verpflichtet gewesen sei. Eine solche Verpflichtung der Klägerin bestand nicht.
Nach den Feststellungen des Berufungsgerichts hat die Klägerin der Beklagten nicht zugesichert, dass die über den Mieträumen gelegenen vier Stockwerke als Büroraum genutzt werden würden; es handelte sich insoweit lediglich
um eine gemeinsame Vorstellung der Parteien im Sinne einer Geschäftsgrundlage. Das Berufungsgericht verkennt nicht, dass für die Berücksichtigung von
Störungen der Geschäftsgrundlage grundsätzlich kein Raum ist, soweit es um
Erwartungen und Umstände geht, die nach den vertraglichen Vereinbarungen in
den Risikobereich einer der Parteien fallen.
Zu Unrecht meint das Berufungsgericht allerdings, bei der gemeinsamen
Vorstellung der Parteien, die vier Stockwerke über den Mieträumen würden als
Büroraum genutzt, handele es sich um ein von der Klägerin übernommenes
Risiko.
Nach ständiger Rechtsprechung des Senats trägt bei der Gewerberaummiete grundsätzlich der Mieter das Verwendungsrisiko bezüglich der Mietsache (Senatsurteile vom 29. September 1999 - XII ZR 313/98 - NZM 2000, 36,
40; vom 16. Februar 2000 - XII ZR 279/97 - NJW 2000, 1714, 1716; vom
19. Juli 2000 - XII ZR 176/98 - NJW-RR 2000, 1535, 1536; vom 26. Mai 2004
66/03 - NJW 2006, 899, 901). Dazu gehört vor allem das Risiko, mit dem Mietobjekt Gewinne erzielen zu können. Erfüllt sich die Gewinnerwartung des Mieters nicht, so verwirklicht sich damit ein typisches Risiko des gewerblichen Mieters. Danach fällt es in den Verantwortungsbereich des Mieters, als Unternehmer die Erfolgsaussichten eines Geschäfts in der gewählten Lage abzuschätzen. Das umfasst auch das Risiko einer Veränderung der Mieterstruktur im Umfeld des Mietobjekts.
Unter Zugrundelegung dieser Rechtsprechung muss im vorliegenden Fall
die Klägerin lediglich ihr eigenes Risiko für die Vermietbarkeit und beabsichtigte
Vermarktung der anderen Mieteinheiten tragen. Nicht aber trägt sie ein eigenes
unternehmerisches Risiko für die hierauf gestützte Gewinnerwartung der Beklagten. Zwar können die Parteien die Risikoverteilung vertraglich ändern und
vereinbaren, dass der Vermieter das Geschäftsrisiko des Mieters - ganz oder
zum Teil - übernimmt. Für eine solche Vereinbarung liegen hier keine Anhaltspunkte vor. Weder aus einer unterstellten Zusage der Klägerin, noch aus der
übereinstimmenden Vorstellung der Parteien, dass die über den Mieträumen
gelegenen vier Stockwerke als Büroeinheiten genutzt werden, noch aus der
Bezeichnung der Einheiten als "Büro" in der Gesamtflächenzusammenstellung,
die dem Mietvertrag als Anlage beigefügt war, lässt sich herleiten, dass die Klägerin ein eigenes unternehmerisches Risiko für die auf die Vermietung der ersten vier Stockwerke als Büroeinheiten gestützte Gewinnerwartung der Beklagten übernehmen wollte.
b) Auch die weiteren von dem Berufungsgericht angeführten Umstände
vermögen ein treu- oder sittenwidriges Verhalten der Klägerin nicht zu begründen. Weder die besonderen Interessen der Klägerin an einer vorzeitigen Beendigung des befristet abgeschlossenen Mietvertrages noch die angenommene
geschäftliche Unerfahrenheit der beklagten GmbH führen dazu, dass die Vereinbarung des Sonderkündigungsrechts und dessen Ausübung treu- oder sittenwidrig sind. Denn die Klägerin war zu diesem Zeitpunkt zur fristlosen Kündigung des Mietvertrages gemäß § 543 Abs. 2 Nr. 3 a BGB berechtigt, weil die
Beklagte sich mit mehr als zwei Monatsmieten in Verzug befand. Die Beklagte
hatte sich bis dahin auch weder auf eine Minderung noch auf etwaige Gegenansprüche berufen. Durch die Vereinbarung eines nur ordentlichen Kündigungsrechts mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten war die Beklagte sogar besser gestellt. Schon deshalb kann in dieser Vereinbarung kein treu- oder sittenwidriges Verhalten der Klägerin gesehen werden, auch dann nicht, wenn die
Beklagte geschäftlich unerfahren war.
2. Da die ordentliche Kündigung der Klägerin vom 29. Januar 2007 wirksam war, kommt es für den Räumungs- und Herausgabeanspruch nicht darauf
an, ob die außerordentlichen Kündigungen vom 23. Juli 2007 und vom
15. Februar 2008 zu Recht erfolgt sind.
Hahne
Wagenitz
Dose
Vézina
Günter
Vorinstanzen:

Art:

Entscheidung, Urteil

Gericht:

BGH

Erscheinungsdatum:

16.03.2010

Aktenzeichen:

XII ZR 108/08

Rechtsgebiete:

Allgemeines Schuldrecht
Miete

Erschienen in:

NJW-RR 2010, 1016-1017

Normen in Titel:

BGB §§ 546, 313, 242, 138