BGH 19. Oktober 2004
X ZR 2/03
BGB § 528; BSHG §§ 88 Abs. 2 Nr. 7, 90; SGB XII §§ 90 Abs. 2 Nr. 8, 93

Kein Ausschluss des Rückforderungsanspruchs wegen Verarmung des Schenkers bei ehemaliger Schonvermögenseigenschaft des verschenkten Grundbesitzes

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Dokumentnummer: 10474
letzte Aktualisierung: 05.01.2004
BGH, 19.10.2004 - X ZR 2/03
BGB § 528
Kein Ausschluss des Rückforderungsanspruchs wegen Verarmung des Schenkers
bei ehemaliger Schonvermögenseigenschaft des verschenkten Grundbesitzes
Dem Rückforderungsanspruch wegen Verarmung des Schenkers und der Überleitung
dieses Anspruchs auf den Träger der Sozialhilfe im Hinblick auf die von diesem dem
Schenker geleistete Hilfe zum Lebensunterhalt steht es nicht entgegen, daß das Geschenk, wenn es beim Schenker verblieben wäre, zu dessen Schonvermögen gehört hätte.
Tatbestand:
Der Beklagte ist der Sohn und Alleinerbe der am 25. März 1998 verstorbenen L.
S. (im folgenden: Erblasserin). Der Kläger verlangt als Träger der Sozialhilfe aus
übergeleitetem Recht vom Beklagten die Zahlung von 7.365,67 € (14.406,-- DM).
Mit notariellem Vertrag vom 31. März 1992 übertrug die Erblasserin dem Beklagten "im
Wege vorweggenommer Erbfolge" das Eigentum an der 1.389 qm großen Hof- und Gebäudefläche B. ... straße in Z. . Auf diesem Grundstück war im Jahre 1960 ein Einfamilienhaus mit einer Wohnfläche von 85 qm errichtet worden, das die Erblasserin und
der Beklagte gemeinsam bewohnten.
Für die Zeit vom 14. Juli 1993 bis 31. März 1995 gewährte der Kläger der Erblasserin
Hilfe zur häuslichen Pflege in Höhe von insgesamt 14.406,-- DM. Der Kläger leitete mit
Bescheid vom 14. September 1998 Rückgewähransprüche der Erblasserin gegen den
Beklagten aus § 528 BGB gem. § 90 BSHG auf sich über. Die hiergegen gerichtete Anfechtungsklage des Beklagten beim Verwaltungsgericht blieb ohne Erfolg.
Der Beklagte macht gegenüber der Klageforderung im wesentlichen geltend, das ihm
übertragene Grundstück habe zum Schonvermögen nach § 88 Abs. 2 Nr. 7 BSHG seiner
Mutter gehört. Nach dieser Vorschrift sei der Erblasserin eine entgeltliche Veräußerung
nicht zumutbar gewesen.
Das Landgericht hat die Klage abgewiesen. Das Berufungsgericht hat den Beklagten
antragsgemäß verurteilt. Mit der vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt
der Beklagte seinen Klageabweisungsantrag weiter. Der Kläger tritt der Revision entgegen.


Entscheidungsgründe:
Die zulässige Revision hat keinen Erfolg.
I.
Das Berufungsgericht hat die Klage für begründet gehalten und ausgeführt, die Erblasserin habe dem Beklagten das Eigentum an dem Grundstück geschenkt. Die Erblasserin sei
nach Vollziehung der Schenkung, nämlich in der Zeit vom 14. Juli 1993 bis zum
31. März 1995, unstreitig außer Stande gewesen, ihren angemessenen Unterhalt zu
bestreiten, und habe deswegen vom Kläger Sozialhilfe erhalten. Der Rückforderungsanspruch der Erblasserin gegen den Beklagten sei auf Zahlung regelmäßig wiederkehrender Unterhaltsbeiträge gerichtet gewesen, bis der Wert des Schenkungsgegenstandes
erschöpft gewesen sei. Den Rückforderungsanspruch der Erblasserin habe der Kläger
wirksam auf sich übergeleitet. Der Zahlungsanspruch des Klägers könne nicht mit dem
Argument verneint werden, daß die Sozialhilfeleistung an den Schenker nach § 88
Abs. 2 Nr. 7 BSHG nicht von der Verwertung des geschenkten Gegenstandes hätte abhängig gemacht werden dürfen. Diese Vorschrift betreffe nicht das Verhältnis zwischen
Schenker und Beschenktem, sondern allein das Verhältnis zwischen dem Träger der
Sozialhilfe und dem Schenker. Die Vorschrift betreffe daher die Frage, ob der Träger der
Sozialhilfe einen Anspruch des Schenkers auf Rückübertragung eines Grundstückes auf
sich überleiten könne. Die Wirksamkeit und Rechtmäßigkeit der Überleitung sei aber
nicht von den Gerichten der ordentlichen Gerichtsbarkeit zu prüfen, die insoweit an die
Entscheidung des Verwaltungsgerichts gebunden seien.
II.
Das angefochtene Urteil hält revisionsrechtlicher Überprüfung stand. Das Berufungsgericht hat zutreffend erkannt, daß dem Kläger Ansprüche aus § 528 Abs. 1 Satz 1 BGB
i.V.m. § 90 Abs. 1 Satz 1 BSHG zustehen.
1. Soweit das Berufungsgericht davon ausgegangen ist, daß die Erblasserin dem Beklagten das Grundstück im Wege der Schenkung zugewendet hat, läßt dies einen Rechtsfehler nicht erkennen; davon geht auch die Revision aus.
2. Es entspricht weiter ständiger Rechtsprechung, daß der Anspruch auf Herausgabe des
Geschenks gem. §§ 528 Abs. 1 Satz 1, 812 BGB in dem Umfang besteht, in welchem
der Schenkungsgegenstand zur Deckung des angemessenen Unterhalts des Schenkers
erforderlich ist, so daß er bei einem nicht teilbaren Geschenk wie ein Grundstück von
vornherein auf die wiederkehrende Zahlung eines der jeweiligen Bedürftigkeit des
Schenkers entsprechenden Wertanteils gerichtet ist, bis der Wert des Geschenks erschöpft ist (BGHZ 94, 141, 144; BGHZ 96, 380, 382; BGHZ 125, 283, 284; BGHZ 155,
57). Auch hiervon geht die Revision aus.
3. Die Revision macht ohne Erfolg geltend, daß die Erblasserin nicht außer Stande gewesen sei, ihren angemessenen Unterhalt zu bestreiten, weil ihr Unterhalt aufgrund der
ihr gewährten Sozialhilfe sichergestellt gewesen sei. Die Frage, ob ein Schenker nach
Vollziehung der Schenkung außer Stande ist, seinen angemessenen Unterhalt zu bestreiten, ist nach den Vorgaben des Unterhaltsrechts zu entscheiden, auf deren Begrifflichkeit
§ 528 Abs. 1 Satz 1 BGB Bezug nimmt (Senat, Urt. v. 05.11.2002 - X ZR 140/01, NJW
unterhalten, wenn er seinen Bedarf weder aus Einkommen noch aus der Verwertung von
Vermögen decken kann (Senat aaO m.w.N.). Nach den Feststellungen des Berufungsgerichts war die Erblasserin in der Zeit, für die ihr der Kläger Sozialhilfe gewährt hat, hierzu außer Stande und damit unterhaltsbedürftig nach den Vorgaben des Unterhaltsrechts.
4. Die Frage, ob die Erblasserin in demselben Maße hilfsbedürftig gewesen wäre, wenn
sie das Hausgrundstück nicht auf den Beklagten übertragen hätte, ist nicht entscheidend.
Für die Beurteilung der Bedürftigkeit des Schenkers kommt es allein auf dessen Einkommens- und Vermögenslage im Zeitpunkt der Bewilligung der Sozialhilfe an, wenn
ein Sozialhilfeträger aus übergeleitetem Recht den Anspruch des Schenkers aus § 528
Abs. 1 Satz 1 BGB gegen den Beschenkten geltend macht. Deshalb kann sich der Beschenkte in diesen Fällen gegenüber der Inanspruchnahme aus dem übergeleiteten Anspruch auch nicht damit verteidigen, daß der Schenker nach Beantragung und Gewährung von Sozialhilfe wieder über Einkommen oder Vermögen verfügt hat (Senat, BGHZ
155, 57,59).
5. Das Berufungsgericht ist zu Recht davon ausgegangen, daß es für die Überleitung
eines Rückforderungsanspruchs wegen Notbedarfs des Schenkers nach § 528 Abs. 1
Satz 1 BGB unbeachtlich ist, ob das geschenkte Grundstück im Eigentum des Schenkers
Schonvermögen gewesen wäre (BGHZ 125, 283, 287). Die Überleitungsanzeige nach
§ 90 Abs. 1 Satz 1 BSHG bewirkt, daß der Sozialhilfeträger hinsichtlich der übergeleiteten Ansprüche in die Gläubigerposition des Schenkers eintritt. Der Rückgewähranspruch
aus § 528 Abs. 1 Satz 1 BGB ist aber nicht durch Regelungen beschränkt, die denjenigen
des Bundessozialhilfegesetzes vergleichbar wären (vgl. BVerwGE 90, 245, 249; MünchKomm./Kollhosser, 3. Aufl. 1995, § 528 BGB Rdn. 18; Brähler-Boyan/Mann, NJW
1995, 1866, 1869).
6. Der Revision kann auch nicht darin gefolgt werden, daß ein Rückforderungsanspruch
aus § 528 Abs. 1 Satz 1 BGB nur dann zu bejahen sei, wenn die Bedürftigkeit des
Schenkers Folge der Schenkung sei. "Nach" im Sinne von § 528 Abs. 1 Satz 1 BGB
beinhaltet eine zeitliche Abgrenzung zur Erfüllungsverweigerungseinrede des § 519
Abs. 1 BGB. Sie bedeutet nicht, daß die Bedürftigkeit Folge der Schenkung sein muß.
Eine Beschränkung des Rückforderungsrechtes dergestalt, daß die Bedürftigkeit gerade
durch die Schenkung verursacht worden sein muß, läßt sich dem Gesetz nicht entnehmen (Staudinger/Cremer 1995, § 528 BGB Rdn. 2, 3; RGRK/Mezger, 12. Aufl., § 528
BGB Rdn. 3). Anderes ergibt sich auch nicht aus der Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 17. Januar 1996 (IV ZR 184/94, NJW 1996, 287 f.). Nach dieser Entscheidung
steht die Anwendbarkeit des § 528 Abs. 1 Satz 1 BGB nicht dadurch in Frage, daß die
Schenkerin schon vor Übertragung des Schenkungsgegenstandes Sozialhilfeleistungen
erhalten hat, die Bedürftigkeit mithin schon vor dem Vollzug der Schenkung vorlag.
Diese Entscheidung verdeutlicht damit im Gegenteil, daß es auf einen kausalen Zusammenhang zwischen der Schenkung und dem Eintritt der Bedürftigkeit nicht ankommt.
7. Das Ergebnis ist nach dem vom Senat zu beurteilenden Sachverhalt auch nicht unbillig. Es beruht darauf, daß das Schenkungsrecht einerseits und das Sozialhilferecht andererseits in sich geschlossene Rechtssysteme mit unterschiedlich ausgestalteten und an
unterschiedlichen Maßstäben ausgerichteten Billigkeitsregelungen bilden. Das Schenkungsrecht bietet in § 529 Abs. 2 BGB eine solche Regelung. Danach ist der Anspruch
auf Herausgabe des Geschenks ausgeschlossen, soweit der Beschenkte bei Berücksichtigung seiner sonstigen Verpflichtungen außer Stande ist, das Geschenk herauszugeben,
Anhaltspunkte nicht ersichtlich.
III.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 ZPO.

Art:

Entscheidung, Urteil

Gericht:

BGH

Erscheinungsdatum:

19.10.2004

Aktenzeichen:

X ZR 2/03

Rechtsgebiete:

Grundstücksübergabe, Überlassungsvertrag

Erschienen in:

DNotI-Report 2005, 13-14
MittBayNot 2005, 394-395
DNotZ 2005, 281-283
NJW 2005, 670-671
ZEV 2005, 121-122
ZNotP 2005, 101-103
Zerb 2005, 123-125

Normen in Titel:

BGB § 528; BSHG §§ 88 Abs. 2 Nr. 7, 90; SGB XII §§ 90 Abs. 2 Nr. 8, 93